Diskrete Präsenz der Äthiopier in Mogadiscio
Kurt Pelda, Neue Zurcher Zeitung, January 5, 2007
Nach dem unerwartet schnellen Sieg über die Islamisten strotzt diesomalische Übergangsregierung vor Selbstbewusstsein. Dieses beruht
aber vor allem auf dem äthiopischen Militärapparat. In der Hauptstadt
Mogadiscio sollte die Regierung schnell jene Clans in die Macht
einbinden, die sich davon noch ausgeschlossen fühlen.
Mogadiscio, Anfang Januar
Der Gepäckraum der zweimotorigen Chartermaschine ist zum Bersten
voll gepackt mit elektronischen Geräten der somalischen
Einwanderungsbehörde. Ein mitfliegender Beamter erklärt, die
Ausrüstungsteile dienten der Einführung eines mit einem Chip
ausgestatteten «elektronischen» Passes. Tatsächlich hat die somalische
Übergangsregierung einer malaysischen Firma einen entsprechenden
Auftrag im Wert von 25 Millionen Dollar erteilt. Die Unterhaltung über
das hochmoderne Reisedokument hat etwas Surreales, denn bis vor
wenigen Tagen kontrollierte die Übergangsregierung neben ihrem
provisorischen Sitz in der Provinzstadt Baidoa so gut wie nichts in
Somalia. Dass sie dennoch eine für lokale Verhältnisse erkleckliche
Summe in einen modernen Pass investierte, könnte ein Indiz dafür sein,
dass der Blitzkrieg gegen die Islamisten schon von langer Hand
vorbereitet war. Der alte somalische Pass, den jedermann in der
Hauptstadt Mogadiscio für 20 bis 30 Dollar erstehen kann, wird nur in
ganz wenigen Staaten akzeptiert. Doch Somalias rührige Geschäftsleute
müssen reisen und brauchen deshalb einen fälschungssicheren modernen
Ausweis.
Reger Verkehr, kaum Kontrollen
Nach der Landung auf der Schotterpiste in Baidoa wird schnell klar,
wie sehr sich die Verhältnisse seit der letzten Reise geändert haben.
Aus den zahlreichen herbeiströmenden Polizisten und Soldaten löst sich
ein Beamter in Zivil, der den ankommenden Journalisten für 50 Dollar
ein Einreisevisum in den Pass stempelt - ein Novum. Das neue
Selbstbewusstsein der Regierung gründet zu einem erheblichen Teil auf
den militärischen Erfolgen, die letztlich auf den äthiopischen
Militärapparat zurückgehen. Am Flugplatz von Baidoa ist die
äthiopische Präsenz unübersehbar: Neben der Landebahn stehen sechs
russische Kampfhelikopter vom Typ Mi-24, eine potente Waffe im flachen
Buschland Südsomalias. In der Stadt trifft man dagegen kaum auf
Äthiopier.
Während wir uns in Baidoa ohne Leibwächter bewegen können, mieten
wir für die Autofahrt nach Mogadiscio zwei Milizionäre. Etwa 20
Kilometer südöstlich von Baidoa liegt der Weiler Deynunay, in dessen
Umgebung sich eine grosse Militärbasis befindet. Diese hatten die
Islamisten kurz vor Weihnachten erfolglos einzunehmen versucht. Sie
wurden jedoch bald von der ungeahnten Wucht der äthiopisch-somalischen
Gegenoffensive weggefegt. Hinter Deynunay, also im Gebiet der
ehemaligen Front, liegen gelegentlich Patronenhülsen von schweren
Maschinengewehren und Fliegerabwehrkanonen auf der Teerstrasse.
Daneben sind leere Munitionskisten und zurückgelassene Militärstiefel
zu sehen. Einige wenige Granattrichter behindern die Fahrt, aber viel
weniger als die zahlreichen Schlaglöcher.
Dornbüsche, die über den Strassenrand wuchern, grenzen die Sicht
ein, nur manchmal lassen sich dahinter bunt gekleidete Frauen
erkennen, die auf Sorghumfeldern arbeiten. Die Hirseart, die der
Maispflanze auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sieht, steht
schon mannshoch. Dafür, dass hier noch vor wenigen Tagen gekämpft
wurde, sind erstaunlich viele Fahrzeuge unterwegs: Geländewagen der
Übergangsregierung, überladene Busse und Lastzüge, die lokal
produzierte Holzkohle oder Säcke mit Sorghum nach Mogadiscio
transportieren. Die Islamisten hatten ein Treibstoffembargo gegen die
Übergangsregierung verhängt, doch nun rollt der Warenverkehr in beide
Richtungen unbehindert - selbst nachts.
Wo es früher unzählige Strassensperren gab, werden wir nur einmal
angehalten, obwohl die Fahrt in die Hauptstadt rund fünf Stunden
dauert. Der einzige Kontrollposten besteht aus einem äthiopischen
Kampfpanzer und einem somalischen «Technical», einem Pick-up mit
aufmontiertem schwerem Maschinengewehr. Ein somalischer Soldat lässt
sich von Mohammed, dem Besitzer des Autos, ein fast wertloses Bündel
mit somalischen Tausendernoten geben, und die Äthiopier wollen unsere
Pässe sehen. Als der Blick auf den brandneuen Stempel der
Übergangsregierung fällt, nicken die Äthiopier zustimmend. Nur einer
von ihnen besteht darauf, zusätzlich die Identitätskarten der
somalischen Insassen zu kontrollieren, obwohl es einen solchen Ausweis
in Somalia gar nicht gibt. In der Sprache der Oromo, einer Ethnie, die
grösstenteils in Äthiopien und Kenya lebt, spricht der Besitzer des
Autos beruhigend auf die Soldaten ein, bis das Missverständnis geklärt
ist.
Dünn gestreute Sicherheitskräfte
Wir kommen erst nach Einbruch der Dunkelheit in Mogadiscio an. Noch
nie zuvor hatten wir es auf unseren Reisen in Südsomalia gewagt, im
Dunkeln zu fahren - auch das ein Novum. Die Strassen der Hauptstadt
wirken erstaunlich sauber, die Putzkolonnen der Islamisten haben ganze
Arbeit geleistet. Die Strassensperren der vertriebenen Warlords sind
zwar immer noch sichtbar, doch schon lange nicht mehr bemannt. Trotz
der fortgeschrittenen Abendstunde flanieren noch viele Menschen durch
die Strassen, die von einzelnen Glühbirnen und Neonröhren erhellt
werden. Der Strom kommt aus privaten Generatoren. An einem Kiosk hängt
eine Petrollampe, und an einem Verkaufsstand schräg gegenüber pressen
zwei verschleierte junge Frauen Fruchtsäfte. Kaum ein Haus, das nicht
Kampfspuren aufweist, doch im Moment ist alles ruhig. Die Äthiopier
verhalten sich äusserst diskret. Sie kontrollieren die strategisch
wichtigen Punkte wie den internationalen Flughafen und den Meerhafen
sowie das völlig zerschossene ehemalige Parlamentsgebäude, das auf
einer Hügelkuppe steht und gute Sicht über die Ruinenstadt bietet.
Tagsüber sieht man kaum äthiopische Soldaten auf den Strassen: hier
einen Tanklastwagen, auf dessen Dach ein einsamer Äthiopier Wache
hält, dort einen zerbeulten russischen Militärjeep mit äthiopischen
Nummernschildern und ein paar Uniformierten. Obwohl es zu einigen
kleineren Demonstrationen gegen die Äthiopier gekommen ist, scheinen
die Bewohner Mogadiscios die fremden Fahrzeuge wie nicht zu beachten.
Während die somalischen Soldaten zwischen Baidoa und Mogadiscio in
äthiopischen Tarnanzügen steckten, lassen sich die Regierungstruppen
in der Hauptstadt leicht von den Äthiopiern unterscheiden - dank ihren
erst vor wenigen Tagen gelieferten olivgrünen Uniformen. Somalische
Soldaten und Polizisten sind vor allem in der Nähe der provisorischen
Residenz von Premierminister Ali Gedi in Nord-Mogadiscio stationiert.
In vielen Vierteln patrouillieren aber weder äthiopische noch
somalische Soldaten, weshalb sich die Frage stellt, warum es dort
nicht zu mehr Kriminalität und Gewaltausbrüchen kommt. Ohne Zweifel
sind die Menschen des Kriegs müde. Vielleicht haben sie sich an die
von den Islamisten hergestellte Ordnung gewöhnt und wollen jetzt der
Übergangsregierung eine Chance geben, ihre Leistungsfähigkeit unter
Beweis zu stellen. Vielleicht ist es aber auch nur die Ruhe vor dem
nächsten grossen Sturm.
«Genug von den Warlords»
Dahir Jimale gehört zum Management des Mobilfunkbetreibers
Nationlink. In einem modernen Sitzungszimmer seines Büros gibt er der
Hoffnung Ausdruck, dass nun alles besser werde. Als Geschäftsmann sei
er zuallererst an Frieden interessiert. Dafür wolle er auch gerne
Steuern zahlen, wozu er unter den Islamisten aber nicht verpflichtet
war. In seinem Haus nahe des früheren Präsidentenpalasts sagt der
Innenminister und ehemalige Warlord Hussein Aidid: «Die Leute werden
alle ablehnen, die erneut Gewalt anwenden. Mogadiscios Bewohner waren
nur gegen die Übergangsregierung eingestellt, weil diese sich nicht in
die Hauptstadt wagte, sondern draussen in der Provinz residierte. Die
höchsten Regierungsvertreter haben es eben versäumt, dem Volk ihre
Politik zu erklären.» Die Islamisten hätten dagegen bewiesen, dass es
möglich sei, in kurzer Zeit Frieden zu schaffen, fährt Aidid fort.
«Doch dies geschah vor allem, weil die Menschen genug von den Warlords
hatten. Wir müssen nun schnell all jene Clans und Sub-Clans in die
Regierung integrieren, die sich von der Macht ausgeschlossen fühlen.»
Textkasten:
Islamisten mit ausländischen Pässen
K. P. Bei einem Flug über den äussersten Süden Somalias stechen
unweit der kenyanischen Grenze riesige Wasserflächen ins Auge. Es sind
die Überschwemmungen, die sich nach den ungewöhnlich heftigen
Regenfällen der letzten Wochen gebildet haben. Das Wasser schränkt die
Bewegungsfreiheit der ins Grenzgebiet geflüchteten Islamisten noch
weiter ein. Von Norden drängen äthiopische und somalische Soldaten
nach Süden, und auf der anderen Seite der Grenze haben die
kenyanischen Sicherheitskräfte ihre Kontrollen verstärkt. Vor der
Küste wiederum kreuzen amerikanische Kriegsschiffe, um die Flucht der
Islamisten auf dem Seeweg zu verhindern.
Trotz all diesen Bemühungen ist es bisher noch nicht gelungen, auch
nur einen einzigen prominenten Islamisten zu fassen. Die Kenyaner
schlossen die Grenze und schickten rund 700 Flüchtlinge - wider
internationales Recht - nach Somalia zurück. Kenyas Aussenminister
Raphael Tuju erklärte dies mit der Befürchtung, dass sich unter den
Flüchtlingen islamistische Kämpfer verstecken könnten. Bisher seien
den Kenyanern nicht nur somalische Islamisten ins Netz gegangen,
sondern auch solche mit britischen, kanadischen, dänischen und
eritreischen Pässen. Flüchtende Milizionäre nahmen einen kenyanischen
Armeehelikopter nahe der Grenze unter Feuer, wie die in Nairobi
erscheinende Tageszeitung «Daily Nation» berichtete. Unweit des
kenyanischen Grenzpostens Liboi hätten zudem vier äthiopische
Kampfhelikopter drei Fahrzeuge mit hochrangigen Islamisten nur knapp
verfehlt, erklärte ein ungenannter kenyanischer Polizeioffizier der
Agentur AFP. Die Autos seien von amerikanischen Satelliten geortet
worden. Laut der somalischen Radiostation Shabelle nahm die Polizei am
internationalen Flughafen von Mogadiscio vier Sudanesen, drei Inder
und einen Somalier fest, als diese das Land verlassen wollten. Es wird
vermutet, dass es sich dabei um Islamisten handelt.
Ein Sprecher der Scharia-Milizen erklärte via Satellitentelefon,
dass der Krieg noch nicht beendet sei. Man werde nun
Nadelstichaktionen und Bombenattentate durchführen. Nördlich von
Mogadiscio zerstörten mutmassliche Banditen einen mit Treibstoff
beladenen Tanklastwagen mit Panzerabwehrraketen, wie die Agentur
Reuters meldete.