Die Bärte werden wieder abrasiert

Roland Brockmann, Rheinischer Merkur, January 4, 2007

War es religiöser Größenwahn? Hatten sie doch zunächst Ordnung nach Mogadischu gebracht, sich Respekt in der Bevölkerung verschafft: Zum ersten Mal nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg konnte man wieder sicher durch die Straßen der Stadt laufen. Doch dann überschätzten sie sich –gegen die Allianz aus somalischer Übergangsregierung und äthiopischer Armee hatten die Milizen der „Union der somalischen islamischen Gerichte“ (UIC) keine Chance.
 
Mit einer Truppe ehemaliger Warlord-Milizen, fragwürdig zusammengehalten unter dem Banner des Glaubens, dazu kaum schweres Gerät, geschweige denn Kampfjets war ihr Angriff aussichtslos, und kaum überraschend, dass äthiopische Truppen im Namen der Übergangsregierung (TNG) aus Baidoa die Islamisten in einer Art Blitzkrieg vertrieben. Höchsten, dass die sogar Mogadischu einnahmen. Es sieht so aus, als sei die Ära der UIC bereits Geschichte – und die wirkliche Frage heute ist: kann sich die Übergangsregierung in Mogadischu halten?
 
„Seit Juli fahre ich zum ersten mal wieder mit Bewachung,“ erzählt ein Geschäftmann aus Mogadischu der UN-Nachrichtenagentur. Die Stadt „sei am Rande, wieder in die Situation der neunziger Jahre zu verfallen, als unabhängige Milizen das Straßenbild bestimmten.“ Während einige der Milizen bereits ihre Uniform auszogen und auf die Seite von Baidoa einschwenkten, haben sich andere sofort am von den Islamisten zurückgelassenen Waffenarsenals bedient. „Jeder Clan versucht nun sich wiederzubewaffnen – in Erwartung der Rückkehr der Warlords“, glaubt Hassan Mahamud Ahmed von der somalischen Zeitung San’aa. Chaos ist wieder da. Menschen fliehen Mogadischu, auch wenn die Uno Hilfslieferungen einfliegen.
 
Drohen sich wieder die chaotischen Zustände unter den alten Kriegfürsten zu etablieren, den skrupellosen Clan-Herrschern, die Mogadischu seit dem Sturz von Siad Barre (1991) unter sich aufgeteilt hatten und durch den Krieg gut verdienten? Denn um Macht, Einfluss und Geld ging es doch stets nur in diesem ewigen Bürgerkrieg der den Staat Somalia aufgelöst hat. Zölle, Handel mit der Droge Khat, Waffengeschäfte...
 
Insider behaupten gar, dass auch der Islam nur ein religiöser Deckmantel war, mit dem sich wiederum andere Warlords hinter mit den UIC tarnten. Und ähnlich auf der anderen Seite: Die von Europa und den USA gestützte Übergangsregierung TNG aus Baidoa gab sich stets moderat, und machte so vergessen, dass auch ihr Präsident, Abdullahi Yusuf Ahmed, im Grunde nur ein Warlord aus Puntland im Norden Somalias ist. Andere Warlords aus Mogadischu waren offiziell ins gigantische Kabinett etabliert, ließen sich nur nie in Baidoa blicken.
 
Ohne wirklichen Einfluss allerdings war die im Nachbarland Kenia gewählte Regierung stets. Nicht viel mehr als ein Marionettenkabinett, das in einem mit UN-Mitteln umgebauten Getreidelager tagte – und brav Gehalt von der Uno bezog. Nur eine Armee gestand man ihnen nie zu. Bis vor kurzem das Waffenembargo auf Druck der USA aufgehoben wurde. Dennoch erscheint mehr als zweifelhaft, dass die TNG seitdem schlagkräftige Streitkämpfe formieren konnte. Es ist also absurd, wenn gesagt wird, die Übergangsregierung habe nun Mogadischu eingenommen. Es war die äthiopische Armee auf Einladung und unterstützt von den schwachen Kräften der TNG. Nicht umgekehrt. Und ohne eine dauerhafte Truppenpräsenz der Äthiopier wird Mogadischu sofort wieder im Chaos versinken, soviel ist sicher.
 
Nicht etwa weil die Islamisten unter der Bevölkerung noch starken Rückhalt genießen. Die Führer der UIC haben sich längst aus dem Staub gemacht – angeblich, um unnötiges Blutvergießen zu verhindern. Sie drohen nun mit Vergeltung, Terroranschlägen. Ihre kurzzeitige Herrschaft in Mogadischu und weiten Teilen im Süden Somalias basierte nie auf einer breiten Überzeugung in der Bevölkerung. Stets hatte die zwar die neue Sicherheit unter den Islamisten genossen, aber gleichzeitig die neuen religiösen Normen gefürchtet. Statt marodierender Milizen gab es nun öffentliche Steinigungen und Schleierzwang für Frauen; gemäßigte Muslime ließen sich Bärte wachsen, nur um nicht unangenehm aufzufallen. Nun werden die Bärte eilig wieder abrasiert.
 
Der Mangel an echtem Fundamentalismus könnte im Prinzip eine Chance bedeuten. Wären da nicht die verfeindeten Nachbarstaaten Äthiopien und Eritrea, das die Islamisten stützt. Beide sind seit langem verfeindet. Äthiopiens Premier Menes Zenawi fürchtete somalische Ansprüche auf die ehemals somalische Provinz Ogaden. Und auch die selbsternannte Republik Somaliland, die sich seit 15 Jahren aus den Streitigkeiten im Süden heraushält, beargwöhnte die Machtübernahme der Islamisten der SICC; argwöhnte einen Übergriff.
 
Diese Sorgen sind nun vom Tisch. Offen bleibt, ob sich die Warlords, die bislang hinter den Islamisten standen, weiterhin zu ihnen bekennen oder sich erneut zersplittern und eigene Interessen verfolgen. Gleichzeitig weiß man nicht, wer wirklich das Sagen hat unter den nun triumphierenden Siegern. Die Einheiten der TNG allein jedenfalls können Mogadischu nicht kontrollieren, geschweige denn den Rest des Landes. Eine andauernde Präsenz von Soldaten aus dem mehrheitlich christlichen Äthiopien wird aber für Unruhe und Widerstand in der somalischen Bevölkerung sorgen. Die Übergangsregierung hat bereits um Unterstützung durch Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AU) gebeten, aber die sind ja bereits mit dem Konflikt in Darfur überfordert.
 
Menes Zenawi verspricht, solange weiter zu kämpfen, bis Extremisten und ausländische Kämpfer besiegt seien. Das klingt gut, kann sich realistisch aber nur in Vertreibung umsetzen. Inzwischen haben die Islamisten immerhin auch ihre Hochburg Kismayu aufgeben müssen. Sie verschanzen sich nun tief im Süden, an der Grenze zu Kenia, das offen die Übergangsregierung stützt. Doch Teile des Nordostens von Kenias sind selbst „umstrittenes“ Terrain, gehörten einst zu Somalia. Die Zahl somalischer Flüchtlinge in den kenianischen Lagern steigt, und auch einzelne Unterstützer der UIC haben bereits die Grenze übertreten.
 
Die Islamisten mögen zwar militärisch geschlagen sein, aber Terroraktionen auch in den Nachbarstaaten sind kaum zu verhindern. Kenianische Armee und Antiterror-Kräfte patrouillieren an der somalischen Grenze, doch die ist allzu durchlässig. Dass der Krieg sich nun in die anliegenden Länder ausbreitet ist die größte Gefahr. Ein Anführer der UIC-Milizen droht bereits: „Wir werden uns niemals ergeben.“